Archive for Mai, 2010

Theaterliebe

Donnerstag, Mai 27th, 2010

Es wird Zeit von einer neuen Liebe zu reden. Es war ein wundervoller Tag, um sich zu verlieben. Ein Pfingstsamstag, wie er im Buche stand. Die Sonne blätterte die Seiten um. Eine neue Liebe beginnt, doch es ist die Zuneigung zu einem Theater. Wie konnte das geschehen?theater.jpg

Wie einst die Hallenser Studenten, denen seit 1771 im pietistischen Halle  das Theater verboten worden war, zogen wir an einem späten Vormittag nach Bad Lauchstädt, aber natürlich nicht mit Pferd und Wagen, voll beladen mit Studenten, Proviant und Wein, sondern mit unserem “Teilauto”.  Es ist eigentlich unglaublich, dazu beschämend zu erzählen, aber wir fuhren nach all den Jahren in Halle das erste Mal nach Bad Lauchstädt ins Theater. Natürlich waren wir deswegen auch viel zu früh da. Denn Theater und Kurpark sind wirklich leicht zu finden, Parkplätze schienen mir ausreichend vorhanden zu sein. Aber das wussten wir eben noch nicht.

Es war ein herrlicher Pfingstsamstag, wie schon gesagt, deswegen ergingen wir uns im Kurpark und im Küchengarten rund um das alte Schloss, nun Goethe-Schule, saßen am Ende vor dem Theater in der Sonne und genossen den Tag, der es so gut mit uns meinte. Wie in der guten alten Zeit wurden in einem Pavillon Eis, Getränke und sogar kleine Speisen für denjenigen bereit gehalten, der dessen bedurfte.

Immerhin, wir saßen vor dem einzig original erhaltenen Theatergebäude der Goethezeit. Vor diesem Bau gab es dort nur eine “Bretterbude” für das Sommertheater in dem mondänen Badestädtchen Bad Lauchstädt. Wen wundert es? Wir standen erst am Beginn einer geordneten Theaterlandschaft. Viele Theaterkompanien zogen ohne festes Haus von Ort zu Ort. 1776 ließ sich eine dieser Kompanien in Bad Lauchstädt nieder und der Direktor erwarb die Konzession für ein festes Haus. Es war diese “Bretterbude”, die der “Titan Goethe” in seiner Funktion als Oberdirektor des Hoftheaters von Sachsen-Weimar übernahm und wegen seiner Unzulänglichkeit bis 1802 als neues Theater nach seinen Vorstellungen und zum Teil mit eigenen Mitteln ausbauen ließ. Schon bei der Eröffnung gab es nicht genug Plätze! Nun hatten die Studenten aus Halle etwas zu feiern: Goethe selbst wandelte unter ihnen, der Popstar der Klassik. Schiller war der Rummel um seine Person dagegen eher peinlich, man brachte ihm selbst abends und morgends Ständchen und damit um seine wohlverdiente Nachtruhe. Wahrscheinlich heißt die gute Stube deswegen heute wohl auch Goethe- und nicht Schiller-Theater.

Theater, ja, das Wort beinhaltet schon ein monumentales Gebäude, ein Musentempel, wie man so sagt. Aber bei Goethes Sommerspielstätte in Bad Lauchstädt mit seinen ca. 450 Sitzplätzen handelt es sich wohl eher um ein Musenkapellchen auf dem Felde, in der Größe von jeder durchschnittlichen Dorfkirche geschlagen. Ein kleiner Bau also, an dem die gewaltigen Stützpfeiler aus grauen Gestein außen aufragen, unverputzt und ein schöner Kontrast zu dem gelben Anstrich. Wir kamen durch den Eingang, der eher einer Puppenstube Ehre täte, aber dennoch ganz hübsch die alte Zeit widerspiegelt. Auch innen ist alles heimelig und gediegen, überschaubar. Wo fanden hier die 630 Leute in der Eröffnungsvorstellung Platz? Fest steht sofort: Ein Phantom der Oper könnte sich hier nicht lange verbergen! Selbst einige von den Musikern passten nicht mehr in den Graben, sondern mussten oben auf der Galerie oder neben dem Publikum ihrem Handwerk nachgehen. Für die Galerie unter der mit Stoff bespannten und bemalten Theaterkuppel hatten wir leider keine Karten mehr bekommen. Wir saßen unten im Zuschauerraum auf Bänken. Vor uns lag der Theatervorhang wie von einer Puppenbühne oder aus einem Kinderbuch der Theatergeschichte. Aber dies ist das Original! Dahinter verbirgt sich allerlei ausgeklügelte Technik und Mechanik, die aus Goethes und Schillers Ideenfabrik stammt: Gassenbühne nennt man das. Aber wo früher einige Bühnenarbeiter mit Rollen und Seilzügen beschäftigt waren, schafft heute ein Motor. Das ist aber schon fast die einzige Änderung.

Nun konnte  das Stück endlich beginnen, es wurde Mozarts “Zauberflöte” gegeben. Die Akustik fanden wir ganz ausgezeichnet. Die Größe des Theaters verringerte den Abstand, man befand sich mitten im Geschehen, im Zentrum der Musik. Es gingen Türen auf und zu, Chöre sangen im Zuschauerraum oder auf der Galerie. Dies soll hier keine Theaterkritik werden, jeder weiß, was er von der “Zauberflöte” zu halten hat! Dennoch, kleine Variationen oder Improvisationen wie von dem Papageno an diesem Nachmittag waren das Salz in der Suppe. Auch fanden wir die Idee, Papageno diesmal als Pinguin erscheinen zu lassen, eine verblüffend gute Idee. Und so intim das Publikum sich hier im kleinen Musentempel sich zusammengefunden hatte, so wurden am Ende die Künstler begeistert gefeiert. Das kleine Theater bebte! Deshalb wohl auch die gewaltige Außenkonstruktion!

So, das war also etwas von der neuen Liebe, die bestimmt, so die Hoffnung, uns erneut erhört und einen weiteren Stelldichein nicht abgeneigt ist.

Euer To.

Es ist auch meine Kirche

Dienstag, Mai 11th, 2010

Ich habe es mir lange angeschaut. Doch möchte ich als “Bistumsheide” nicht  zu der “größten Krise der Kath. Kirche seit der Reformation” schweigen. Glaube und christliche Kirche sind mir etwas wert und gehören zu unserem Leben. Beginnen wir mit einer Geschichte:

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Abraham bekehrt sich dennoch zum Christentum

Auch scheint es mir, nach meinem Dafürhalten, daß sowohl euer Oberhirt als auch die übrigen insgesamt nach seinem Beispiele mit allem Eifer, allem Scharfsinn und aller Mühe bestrebt sind, die christliche Religion, deren Grundpfeiler und Stützen sie zu sein berufen wären, ganz zu zerstören und aus der Welt zu vertreiben.

Dieses Zitat aus einer Geschichte von Giovanni Boccaccios berühmter Novellensammlung, Das Dekameron, stammt vom Juden Abraham, der lange bedrängt von seinem Freund Jeannot, sich zum Christentum zu bekehren, nach Rom geht, um “sich den Laden mal anzusehen”, wie wir heute vielleicht sagen würden. Was er im Zentrum der Christenheit sehen muß, ist erschreckend:

… überzeugte ihn nun bald, daß sie allesamt der Wollust, und zwar nicht nur der natürlichen, sondern auch der sodomitischen, frönten, ohne sich irgend Zaum und Zügel von Scham oder Schande anlegen zu lassen, so daß in den wichtigsten Angelegenheiten der Einfluß der feilen Dirnen und der Knaben von nicht geringer Wichtigkeit war. Außerdem fand er in ihnen insgeheim Schlemmer, Säufer, Trunkenbolde und Geschöpfe, die nach Art der unvernünftigen Tiere nächst der Wollust mehr dem Bauche als irgend etwas anderem gehorchten. Bei genauerer Betrachtung lernte er sie noch außerdem als so geizig und geldgierig kennen, daß sie mit Menschen-, ja mit Christenblut und mit den heiligsten Dingen, Opfern, geistlichen Pfründen oder welcher Art sie immer sein mochten, um Geld einen abscheulichen Handel trieben.

Wie wir heute wissen, wurde bei den dem Juden Abraham zugesprochenen Beobachtungen keinesfalls übertrieben. Was seinen Freund Jeannot dann aber über alle Maßen verwundert, ist die Bekehrung des Juden, der ein gläubiger Mensch, im Fortbestehen des christlichen Glaubens und der tiefen Gläubigkeit und des aufrechten Lebenswandels vieler ihm bekannter Christen trotz dieser verruchten Zentrale ein Wirken des Heiligen Geistes sah. Er wurde also trotz der Verfehlungen des Klerus Christ. Der Glauben der Laien reichte ihm vollkommen aus.  Sie sind für ihn Kirche. Warum reicht es uns heute nicht mehr? Warum sind wir so unendlich mehr auf den Priesterstand fixiert? Was haben uns die armen Kerle eigentlich getan? Sie sind doch auch nur Menschen !

Nette alte Knaben

In der Tat! Die Priester (und Bischöfe), die ich persönlich kenne, sind eigentlich ganz nette alte Knaben, engagiert, intelligent und überarbeitet in der Regel. Sie machen alle ihre Arbeit und sie machen sie meistens ganz gut.  Nur einen von ihnen habe ich als “gefährlich” einstufen müssen. Ein anderer tat mir einfach leid, ein zweiter war noch ein “grüner Junge”, ein dritter glaubte nicht an Gott. Aber vielleicht habe ich ihn auch nur falsch verstanden. Mit dem Bischof ließ es sich gut Lachsbrötchen essen und es beruhigte: Er fand dieselben Leute gefährlich, die auch ich so einschätzte. Ich denke, solche Menschen hatte auch Abraham in seiner Heimatstadt getroffen und sie machten für ihn Teil seiner Kirche. Die Priester sind also nur Teil der Kirche, es sind die Haushüter, die Hirten, Lehrer und Zeremonienmeister. Sie sind Koordinatoren, Moderatoren, Motivatoren oder sollten es eigentlich sein. Und da sie nur Menschen sind, mit einer besonderen Aufgabe vielleicht, warum sollten sie dann nicht auch leben, lieben und genießen dürfen Gottes ganze Herrlichkeit wie wir alle? Und war nicht der Gründer des Christentums selber ein Mensch von ausgesprochener Menschlichkeit? War nicht Gott selbst hier Mensch geworden, als wolle er die Früchte kurz, aber intensiv genießen, bis er wieder an die eigentliche Arbeit zurück musste?

Die oberste Behörde

Warum es die netten alten Knaben nicht dürfen? Dazu müssen wir nach Rom zurückkehren, der sündigen Hauptstadt des christlichen Glaubens, auserkoren im Diesseits zu repräsentieren, während das himmlische Jerusalem bekannterweise erst im Jenseits zu betreten ist. Natürlich haben sich seit dem Besuch des Juden Abraham die Zeiten geändert und Päpste und Kardinäle sind ruhiger geworden. Die Sünden der Renaissance sind nicht die heutigen, wenn auch so mancher Skandal der letzten Zeit etwas anderes vorspiegeln mag. Nein, die heutige Sünde besteht aus Arroganz, Verbohrtheit und Vertuschung. In Rom sitzt keine Glaubenszentrale, sondern die oberste Behörde des Glaubens, die in 2000 Jahren mehr Vorschriften und Gesetze aufgestellt hat, immer wieder sich auf Vorschriften und Gesetze der Generation berufend, dass das Kirchenrecht dem Programmcode eines üblicherweise genutzten Computerbetriebssystems erstaunlich ähnelt. Weiß der Philosophie und Kirchenrecht virtuos zitierende Papst Benedikt eigentlich selber noch, auf wessen Felsen er da thront? Er ist doch der Manager eines weltweit agierenden Religionskonzern und steht der Verwaltungseinheit vor. Selbst den Verwaltungsvorschriften dieser obersten Behörde unterworfen kennt er auch keine andere Lösung für die netten Knaben, die in den Bistümern und Pfarreien ihren Dienst tun. Sie haben die Verwaltungsvorschriften zu beachten, Missachtungen ziehen Abmahnungen, Versetzungen, Maßregelungen nach sich. Immer streng nach Vorschrift vorgehen, sonst ist eine Karriere im Konzern Katholische Kirche ohnehin nicht möglich. Auch das Volk der Gläubigen ist den Vorschriften, Anordnungen, ja Gesetzen unterworfen und Widerspruch oder -handlung hatte noch vor Kurzem bittere Konsequenzen. Die Zeiten haben sich gewandelt, der Gläubige kann leicht sagen: Was geht mich Rom an! Sein für ihn zuständiger alter Knabe in der Kirche kann es möglicherweise nicht.

Die Mär vom guten Hirten

Der gute Rabbi Jesus war ganz fasziniert vom Bild des guten Hirten. Und  bis heute tragen die Bischöfe den Stab des Hirten als Zeichen ihres Amtes. Im Altertum war der Hirte auf seine Herde angewiesen, denn sie ernährte ihn und die Herde brauchte den Schutz des Hirten. Im Mittelalter wurde der Hirte immer mehr zum Gutsbesitzer und zum Feudalherren, die Herde bestand aus Vasallen und Unfreien, die willenlos dem Hirten zu gehorchen hatten. In dieser Zeit entwickelten sich maßgeblich die Strukturen und Gesetze der Kirche und als letzter Monarch aus dieser Zeit scheint sich der Papst zu verstehen, gewählt von den Herzögen der Provinzen, die er vorher mit diesem Amt belehnte. Während sich so mancher absolute Firmenboss des 19. Jahrhunderts zum “guten Patron” wandelte und die Arbeiter mit Gewinnbeteiligung, Sozialleistungen und Kindergärten bei der Stange hielt, schaffte es der Monarch in Rom nicht, sich der Zeitenwende anzupassen, sondern verschärfte seinen Absolutismus, was zu weiteren Kirchenspaltungen führte. Heute ist der Hirt jemand, der seine riesigen Herden mit dem Computer und Papierbergen verwaltet, der Behördenchef der obersten Behörde. Sein Zeichen wäre besser der Kugelschreiber und die Kaffeetasse, den Hirtenstab trägt er zu unrecht. Theologisch ist er nicht zu besiegen, denn die Gebäude der obersten Behörde sind aus theologischen Spitzfindigkeiten und scholastischen Sperrzäunen errichtet.

Dezentral statt zentral !

Die größte Bedrohung der Kirche komme heute nicht durch äußere Feinde sondern durch ihre eigenen “Sünden. Papst Benedikt auf dem Weg nach Portugal 2010.

Es ist nicht meine Aufgabe, der Kirchenleitung Lösungsmöglichkeiten anzubieten. Die Kirchenvolksbewegung arbeitet schon seit Jahren daran, die Kirchenleitung zu einer Einsicht zu führen. Sehr eindrucksvoll in seiner Verzweiflung ist zum Beispiel der Brief von Hans Küng, der den Vertrauensverlust in der Kirche und die Kluft zwischen Herde und Hirten beklagt, um im vorherigen Bild zu bleiben. Die Einheit der Kirche muss dabei unbedingt in ihrer Vielfalt erhalten bleiben. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Katholische Kirche zum Ghetto von erzkonservativen Sekten und Ewiggestrigen wird. Um eine Volkskirche zu erhalten hilft nur eine Kirche vom Volk, der der Papst als Vorsitzender, Moderator und Berater vorsteht. Es wäre ein machtloser Papst, aber ein machtloser Papst kann auch keine Machtgelüste hervorrufen. Ein Papst hat bereits die Krone abgelegt. Es wird Zeit, dass sich auch die oberste Behörde auflöst und der Behördenchef zum Bruder und Berater der Ortshirten macht, statt sie zu bevormunden und zu gängeln. Der Papst würde das Christentum repräsentieren, aber er würde die Vielfalt der unterschiedlichen Kirchen nicht mehr gängeln können, noch nicht einmal die bislang als sein Eigentum begriffenen. Kein Mensch hat einen Eid auf den Papst abzulegen, den noch nicht einmal Jesus Christus verlangt hat, da er sich über unsere Wankelmütigkeit im Klaren war.

Und letztendlich: Ob der alte Knabe in Rom etwas sagt oder in Hamburg fällt eine Tür zu?! Wir haben unser Leben mit dem Chef oben ganz alleine abzumachen. Die Freiheit des Christenmenschen ist schon lange nicht mehr nur ein Begriff, sie ist ganz real.

Euer frommer To.