Barcelona

Notizen aus einer unbekannten Stadt

  1. Den Terminkalender habe ich auf dem Schreibtisch vergessen. Ich konnte schon loslassen, bevor das Flugschiff auf die Küste zusegelte. Zuerst einen Überblick verschaffen: Ich habe den nächsten Berg bestiegen, die Tore der Festung standen weit offen. Die unbekannte Stadt dehnt sich bis zur nächsten Bergkette aus. Früher war das Tal ein einziger Garten und die Menschen waren eingesperrt innerhalb ihrer Stadtmauer. Heute sind die Kanonen eingerostet vom Frieden. Ich stehe vor einem Immobilienbüro, kaufe im Geiste eine Stadtwohnung und beantrage die Staatsangehörigkeit eines noch nicht gegründeten neuen Landes. Wenn im Hof die Springbrunnen plätschern und Orangen wachsen, komme ich wohl zur Ruhe. Doch dieses Land ist ein Land voller Obdachlose und Jachtbesitzer, ganz eng nebeneinander, arm und reich, letztere können erfolgreich bei der Eu betteln, die Ersterwähnten verzweifeln in den Fußgängerzonen. Ich bin zu faul oder zu ängstlich, eine Münze aus der Tasche zu kramen. Mit diesem Text werde ich ohnehin nicht Stadtschreiber der unbekannten Stadt. An der nächsten Ecke telefoniert der Minotaurus mit dem Museum des Malers. Er zwinkert mir zu. Nicht umsonst sind wir bereits jahrelang gute Freunde. Er fragt: „Gehen wir zu den Huren heute Nacht?“ Ich verneine, denn längst bin ich mit der Schlangenfrau verheiratet. Ich frage mich, ob ich tote Zwillingsbrüder besuchen soll. Immerhin wartet eine Frühlingsnacht auf mich.
  2. Ich kann nicht verstehen, noch akzeptieren, das alles in dieser Welt auf Blut und Hass gegründet sein soll. Ich mag es auch nicht in der Literatur erleiden. Besonders nicht, wenn es auf Lüge und konstruierten Klischees aufgebaut ist. So habe ich die „Kathedrale des Meeres“ bereits nach wenigen Seiten weggelegt. Auch und vielleicht deswegen, weil ich weiß, dass Literatur Lüge ist und dahinter Absichten stecken können. Wer kennt nicht die vielen Berichte von den Eroberungszügen der Römer, deren tapfere Gegner sich der drohenden Niederlage dadurch entzogen, dass sie mit Kind, Frau und Mann in den Selbstmord flüchteten?! Denn wie tapfer müssen die Römer sein, wenn sie solch tapferes und ungebändigtes Gezücht bezwingen konnten! Doch das ist schlechte Literatur, wenn die Absicht sogleich erkannt, die Lüge ins Gesicht springt wie der Teufel aus der Kiste, womöglich sogar nationalistischer Humbug, im milderen Falle einfach Kitsch ist.Die wirkliche Kathedrale des Meeres sind die Schiffshallen der unbekannten Stadt. In Venedig sagen sie Arsenal dazu. Auf den Schiffen, die diese Kathedrale verließen, wurde nicht gebetet, sondern gerudert! Um auf die Galeere zu kommen, bedurfte es nicht viel: Z.B. Zigeuner zu sein und keine Arbeit zu haben. Auch bei gotteslästerlichen Tun jeglicher Art war die Galeere eine angemessene Strafe. Da begann eine ganz eigene Reise für den Delinquenten, deren Endstation der Tod war. Die Madonna des Meeres, vielfältig vergöttert und bei besonderen Gelegenheiten über das Meer gefahren, hilft auch nicht weiter und rettet keinesfalls die Verzweifeltesten der Verzweifelten. Sie wurde von der Kirche mit Sternenmänteln und Goldheiligscheinen bestochen.

     Ich besteige heute mein eigenes Schiff, beziehe mein Bett. Wie wäre es mit einen Segeltörn über das Mare Nostrum? Piraten- und Türkenfrei nun, keine Galeere ist mehr notwendig, aber voll mit den Nußschalen der Ärmsten. Wie segelt es sich über ein Meer voller Leichen? Wer es überlebt hat, hat nun bester Aussichten auf eine Karriere als Obdachloser, Drogendealer oder Kleinkrimineller. Was schert mich das, denn wie schön schaukelt mein Schiff in der abendlichen Dünung des Hafens!

  3. Überall in dieser unbekannten stadt schieben sie ihre Einkaufswagen durch die Straßen und sammeln zusammen, was in Mülltonnen oder beim Sperrmüll finden können. Besonders Altmetall ist begehrt, aber auch Kleidungsstücke oder was man sonst zum täglichen Leben Brauchbares findet, landet im Korb des Wagens. Einer dieser Menschen hatte den Einkaufswagen voller Bücher, als sammele er die Lebenslügen der Stadt auf. Ich habe leider mein eigenes Büchlein nicht dabei gehabt, sonst hätte ich es dazu gelegt. So trinke ich Cidre von der Nordküste, während der Einkaufswagen vorbeirumpelt…
  4. Was bei uns Grieche oder Araber oder Portugiese ist, das ist hier eher regional: Die „vom Meer“ oder „die aus dem Gebirge“ oder „die von der Hochebene“. So als läge die unbekannte Stadt in einem anderen Land, fern von anderen Regionen dieses Staates. Beliebt sind kleine Häppchen zwischendurch, die bei den Leuten „aus dem Gebirge“ natürlich ganz anders heißen als bei denen „vom Meer“: Einmal Happen, dort Häppchen, und wiederum woanders Speisele, die Gerichte selbst sind sich dagegen ähnlich mit kleinen regionalen Variationen selbstverständlich. Was aber Mode geworden zu sein scheint, das können wir nach einem kleinen Reihenversuch feststellen, wobei aber immer noch im Sinne der Angeklagten eine kleine Zufallsmöglichkeit übrigbleibt, ist folgendes:Bestellst du 10 Häppchen für eine kleine Gruppe, bekommst du neun. Dieses Verfahren wird erleichtert, weil einige Häppchen warm, andere kalt serviert werden, also nicht zur gleichen Zeit auf den Tisch kommen. Es werden aber alle 10 berechnet! Beim ersten Mal reklamierten wir amüsierte und glaubten an Überarbeitung. Es war eine Menge los. Beim zweiten Mal runzelten wir die Stirn, reklamierten und nahmen ein Versehen an. Beim Reklamieren gibt es keine Probleme und kein langes Zetern. Beim dritten Mal verfiel ich in die Sprache meiner Jugend und rief den Kellner durch den ganzen Saal herbei und bekam nach vielen Entschuldigungen doch noch das 10 Häppchen, Wurst in Cidre gebraten. Ich gebe es zu, darauf hatte ich mich besonders gefreut.Eine Kennerin der Leute aus dem fernen Osten in unserer Gruppe hatte folgende Erklärung. Durch die Zunahme der Touristen aus jener Gegend, die in Massen die Straßen und Sehenswürdigkeiten bestaunen, kam durch Zufall oder Absicht das 10 Häppchen-Verfahren auf, denn jene so höflich, so die Kennerin, zu bezahlen, egal, was auf den Tisch kommt oder auch nicht. Eine mögliche Erklärung, wie gesagt.Wir dagegen werden langsam verstimmt und ich hoffe, ich muß nicht zu oft in die Sprache meiner Jugend zurückfallen, die, so hat man mir versichert, inzwischen als sehr fordernd und unhöflich aufgefaßt wird, um 10 Häppchen zu erhalten. Ach, die gute alte Zeit, denke ich. Das denkt wohl auch der alte Herr im Rollstuhl, den die Verwandten vor die Tür geschoben haben, damit er rauchen kann. Abgestellt. So ist das mit den Alten.Beim Häppchen-Vertilgen in der unbekannten Stadt, Isí

    P.S.: Gestern 10 Häppchen erhalten und 10 Häppchen bezahlt, ohne Reklamation, aber diese Häppchen waren von Leuten „von den Inseln“

  5. Zugegeben, ich war lange nicht mehr in einem Gottesdienst. Gotteshäuser besuche ich dagegen öfter. Und ich spreche auch mit Gott, Engeln und Elfen. Beten ist ein Gespräch, manchmal auch ein Streit.Heute gibt es nur Einigkeit, denn es ist der Gott des Fußballs dran. Denn der Verein der unbekannten Stadt ist der erfolgreichst Club der Welt, nicht nur im Fußball, auch im Handball, im Baskettball, und, und, und… Es gibt kein Jahr, in dem nicht ein Titel oder Pokal geholt wird. Sie sind die sportliche Opposition gegen Generäle oder Könige. Auch wenn das heißt, das ein Clubpräsident erschossen wird. Das Stadion wird irgendwann in einem rotgelben Meer schwimmen, und irgendwann, das heißt morgen!Das Stadion hier nennt sich „Neues Feld“ und das ist das absolute Heiligtum des Vereins. Vorher haben wir andächtig ein Museum durchquert, Vitrinen voller Pokale bestaunt. Wir erprobten an multimedialen Tischen alle Funktionen, sahen unsterbliche Tore, heutige Erfolgstrainer als knochenharte Verteidiger traten auf. Und immer wieder Bilder vom Mesias dieses Heiligtums, dem Gandalf des Fußballs, der Tore aus dem Nichts zaubert und gegelte königliche Balrogs ins Belanglose dribbelt.Wir stehen jetzt hier auf der Reportertribühne und sind andächtig. Ist das alles nun sakral oder ein goldenes Kalb, gefüttert mit Nationalismus, Lebensfreude und viel, viel Geld? Die Antwort wartet auf uns schon am Ausgang. Auf drei Etagen gibt es Andenken gegen Bares. Blau heißt auch hier blau.
  6. Alles hat in der unbekannten Stadt Tradition, sogar das Vergnügen. Ich greife zwei Beispiele heraus. Das Erstere führt uns in die Zeiten der Weltausstellung 1926. Ein Überbleibsel dieses Ereignisses ist ein Dorf mit Nachbauten alter Häuser aus allen Landesteilen. So haben diese mehr oder weniger gelungenen Rekonstruktionen bereits ein beachtliches Alter auf dem Rücken. Wir reisen von Nord nach Süd und wieder zurück. Überall besuchen wir die Kunsthandwerker in den Häusern, die sich angesichts der winterlichen Zeit noch über Besuche freuen können. Kaum zu glauben, aber es war sogar geschmackvolles und sehr viel Künstlerisches dabei. Höhepunkt war ein frühromanisches Kloster, zusammengepuzzelt aus 4 vorhandenen Klostern. Sicher, das alles ist ein „Disneyland“, aber immerhin ein sehr geschmackvolles. Nachdem wir die weißen Häuser des Südens durchquert hatten, gönnten wir uns in einer Seitengasse eine heiße Schokolade, so gehaltvoll, das sich fast das Abendbrot erübrigt hat.Ganz anders der einhundertjährige Vergnügungspark auf der höchsten Erhebung am Rande der unbekannten Stadt. Einst stand hier nur eine kleine Kapelle, zu der gepilgert wurde, daraus ergab sich wohl der Hang zum Zusammensein und Vergnügung. Heute wird der Berg von einer gewaltigen Neo-Wasweißich-Kirche gekrönt, in die die alte Kapelle am Rand eingebaut wurde. Der Rest ist Vergnügungspark. Hier gibt es alles, was in einem Vergnügungspark gehört: Karussells, Bahnen, Automaten… Darüber dreht ein Aussichtsflieger seine Runden und das bereits seit 1929! Es ist eine Mischung aus Neu und Nostalgie, überhöht von der kitschigen Kirche und dem Jesus darauf wie ein Zuckerhütchen. Selbst die Bahn hinauf atmet asthmatisch.
  7. Europa, und damit schließen meine Notizen für dieses Mal, das ist wie ein Abendessen in der unbekannten Stadt.Es saßen zusammen: Eine bekannte Performancekünstlerin aus der Stadt, ihr kleiner Sohn, ein bretonischer Musiker, normalerweise in Paris lebend, eine deutsche Studentin, ein deutscher Schüler, eine Ärztin und ein unbekannter Schriftsteller aus dem Nará-Tal. Es gab eine örtliche Abendbrotzeit, eine ortsübliche Speisenfolge bestehend aus Vorspeise, 2. Speise und Nachtisch, dazu Wein aus Frankreich und von den Feldern der Borgia. Die Vorspeise war französisch, das Hauptgericht und der Nachtisch deutsch. Gemischt wurden die Sprachen Englisch, Spanisch und Deutsch. Die Stadtsprache wurde nicht verwendet. Der Sohn der Tänzerin hatte einen deutschen Vater und verwendete alle Sprachen, wie es ihm gefiel. Das war noch nicht das Abschiedsessen in der unbekannten Stadt, die so viele Gesichter hat, die in Europa liegt und doch in einem unbekannten Land am Rande der Zeit…

Euer To.

 

 

 

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