08/11/11

Atlantikbrise 1

„Ferien, Ferien, Ferien!“, lautete mein erleichterter Kampfruf. Über drei Wochen lagen vor uns, in denen wir nur entspannen und auf das Meer, ein richtiges Meer, den Atlantik, schauen wollten. Uns ging es weniger um Sehenswürdigkeiten, die werden dennoch erwähnt, sondern darum, einmal die asturische Küste abzureisen, einen Gesamteindruck zu bekommen. 2002 waren wir schon einmal in Asturien, hier  unser damaliger Eindruck …

Bilboko Aireportua (Flughafen Bilbao)

1. Reisetag: Dazu passenderweise mussten wir durch die Walfischrippen aus Beton gehen, dem Untergeschoss des Flughafens von Bilbao, auf die Schalter des Autoverleihes zu. Der Flughafen von Bilbao (baskisch = Bilbo) besticht durch sein außergewöhnliches Design, viel schöner als die Zweckbauten in Leipzig und München. Kunst kommt von Können, hier wieder eindrucksvoll bewiesen!

„Unser Seat León“ wurde vom aus den Wolken auf Bilbao aufgeklatschten Walfisch ausgespien, hinein in den baskischen Regen und auf die Schnellstraßen rund um die Stadt. Wir blieben auf der E-70, der Autopista del Cantabrico, die uns über Torrelavega bis nach Asturien, genauer gesagt kurz vor die Kleinstadt Ribadesella, führte. Heute ist diese Autopista auf den meisten Abschnitten, ein Blick in eine aktuelle Karte bringt hier jedermann Klärung, als Autobahn (meistens die A8) ausgebaut. Mit Tunneln und gewagten Brückenkonstruktionen wurde die gebirgige Küste dem Verkehr gefügig gemacht. Ich kannte diese Straße schon, als sie sich bergauf und bergab quälte, die Ría bei Laredo nur über eine schmale Brücke überquerte und sich durch die Straßen von Torrelavega schlängelte. Dieses romantische und mühsame Reise ist endgültig vorbei!

Die Kinder waren schon auf der Fahrt begeistert vom Atlantik und der grünen Landschaft, durchbrochen von Rías und kleinen Stränden. An der Grenze zum Fürstentum Asturien begrüßte uns kurz die Sonne und wischte die Schleier des Nuberu, des asturischen Nebelgeistes, fort und wir sahen die Picos de Europa, wie von einem Lichtstrahl kurz angestrahlt. Wir waren in den kleinen Gassen des Ortes Camango (astur: Camangu) angekommen. Ohne die Wegweiser des Gastgebers hätten wir die Casa Rural L‘Alceu nicht gefunden. In die engen Straßen von Camango oder dem Nachbarort Meluerda paßte jeweils ein Auto, aber nicht mehr! Die Ferienwohnung war rustikal, aber hell und gemütlich. Es gab schöne Bodenfliesen und dem Jugendstil nachempfundene Lampen, die gut zum Holz und Stein gut paßten. Nichts wirkte kitschig, nicht übertrieben, wie es in Deutschland oft geschieht. Lufthansaflug, Mietauto und erste Ferienwohnung wurden uns dankenswerterweise (wieder einmal!) von Alexandra Lendle organisiert.

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Unser erstes Ferienhaus  auf dieser Reis, zur  Casa Rural L‘Alceu gehörig. Man beachte die Katzen.

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Den ersten Tag konnten wir nur in den Regen gucken …

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… oder etwas spazierengehen. Durch diese engen Straßen mussten wir auch mit dem Auto fahren.

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Da gab es alte Anwesen anzuschauen …,

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Hortensienhecken und …

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… nasse Eselchen.

Katzen, Kellnerhobbit und Kerkelinge

2. – 3. Reisetag: Der Regen ist vorbei. „Das ist doch kein Sommer dieses Jahr“, erzählte uns eine alte Frau, die wir auf einem Spaziergang nach Meluerda trafen, „Wir haben doch schon Juli!“ Nicht weit vom Ferienhaus trifft man auf einen mit gelben Zeichen versehenen Wanderweg, der auf den kleinen Straßen und auf Wanderwegen bis Cuerres führt. Auf dem Jakobsweg kann man auf einem Karrenweg über Collera und Meluerda zurücklaufen. Über Teilabschnitte entscheidet jeder selbst! Wir lieben diese Spaziergänge auf den engen Straßen an Hortensien- oder Montbretienhecken vorbei. Mitten im Ort gibt es einen karstigen Hügel, auf dem wachen die Schafe. Auch sie sind vom Regen durchnässt. Es ist wirklich kein Sommer!

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Erst als der Regen aufhörte, stellten wir einen besonderen Service der Casa Rural (Landhaus, Landhotel) fest: Die Besitzerin hielt sich viele Katzen, Perser- und Siammischungen, aber auch ganz normale Landkatzen. Da schaut auch schon einmal eine Katze zum Fenster herein! Für katzenverliebte Reisende natürlich schön! Nach Aussehen und Charakter vergaben wir bereits Namen wie Björn oder Cortez.

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Nach den Haustieren ist auch die asturische Mythologie, mit der hierzulande so eifrig geworben wird, zu ergänzen. Bekannt sind bereits der Trasgu, der Hauskobold, die Xana, die Quellnymphe, und der Nuberu, dem bereits erwähnten Nebelgeist. Diesen Gestalten können wir nun den asturischen Hobbit hinzufügen. Er ähnelt sehr Frodos Freund Sam aus dem „Herrn der Ringe“, trägt die hobbittypische Weste und die zerzausten Haare seiner Art. Er serviert in Fischrestaurants gerne Merluza a la Romana und füllt tiefe Teller so lange mit Fischsuppe, bis sie überlaufen. Leider taucht seine freundliche Art nur selten auf in den Restaurants. Das heißt aber nicht, dass die Asturer unfreundlich sind, vielleicht etwas wortkarg das ja, aber sonst: im Gegenteil!

Eine weitere neue mythologische Art in Asturien ist der „Kerkeling“. Er ist eingewandert bzw. er wandert durch. Früher trat diese mythologische Gestalt nur in Einzelfällen im nördlichen Zentralspanien auf dem Camino de Santiago bzw. Camino francés auf. Man nannte sie in der Regel Jakobspilger oder auf span. Peregrinos, d.h. Pilger. Zu Beginn der Neunziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts waren sie noch so selten, dass sie von Passanten Kaffee serviert bekamen oder um eine Unterkunft in den Bergen fürchten mussten (etwa 10 000 Wanderer im Jahr, die meisten Spanier).

 

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Der Camino de Santiago kurz vor Ribadesella

Heute ist aus der einsamen Jakobspilgerei von einst eine Massenbewegung geworden, die mit fast 300 000 Leuten auf allen möglichen Jakobswegen Spanien zerpilgert, was kleine Hotels, Bars und Geschäfte am Rande der Wege natürlich freut. „Kerkelinge“ nannten wir die Leute nach dem Autor des in Deutschland am Besten verkauften Buches zum Thema. Das soll nicht beleidigend für die Leute oder den Autor sein, sondern nur feststellen, dass es ein Unterschied ist, ob man einem Trend vorausgeht, etwas Neues für sich entdeckt, ob man einen Trend schafft oder ihn vermarktet oder diesem Trend hinterherhechelt. Auch die „Kinder von Torremolinos“ waren einst „trendy“ und man schaue sich nun am Mittelmeer die Küsten an.

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Pilgerwegweiser. Es ist heutzutage für einen „Kerkeling“ fast unmöglich, sich zu verirren.

 Zum Glück brauchen die „Kerkelinge“ noch keine Bettenburgen, aber Spanien ist es also tatsächlich gelungen, aus einer alten mittelalterlichen Pilgertradition einen Massentourismus zu machen. Der Weg ist hier in der Tat das Ziel, nämlich diesen auszubauen und zu pflegen und für diesen neuen Touristentyp nutzbar zu machen. Längst ist Asturien, das alte Ferienziel der hitzegeplagten Spanier, nicht mehr so billig wie einst und die Immobilienkrise hat auch hier viele Menschen an den Rande der Existenz gebracht. Der durch Asturien verlaufene Nordweg für die „Kerkelinge“ schafft neue Einnahmequellen. Wie wissenschaftlich abgesichert die Wegführung wirklich ist, kann ich dem Freund historischer Wahrhaftigkeiten nicht sagen. In der Gegend um Ribadesella herum, in der ich mich gerade befinde, habe ich das Gefühl, das bestehende Karrenwege und Dorfstraßen dem ungefähren Verlauf des Nordweges angepaßt worden sind. Und man will ja schließlich nicht auf der Schnellstraße laufen, oder? Die „Kerkelinge“ gehören auf jeden Fall zu Asturien wie der Trasgu, die Berge oder der Sidra. Aber zum letzteren kommen wir noch später.

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Man trifft sie fast täglich, Wanderer auf dem Camino de Santiago

Kurze Pause, dann folgt der Teil 2, Euer Tras – To.

03/9/11

Fastenzeit

Gestern haben wir noch ordentlich dem Wein vom Disibodenberg zugesprochen, ab heute beginnt die Fastenzeit. Das dauert bis Ostern an. Hintergrund ist das vierzigtägige Fasten von Jesus in der (judäischen) Wüste. Ich habe mich dieses Jahr wieder für das Fasten von von alkoholischen Getränken ausgesprochen. Eine diesbezügliche Entgiftung des Körpers tut gut. Sonntage sind in der katholischen Tradition übrigens augenommen. Sie gelten als Oasen in der Wüste des Fastens, um das mal poetisch auszudrücken. Die evangelische Kirche ruft zu einer ganz pfiffigen Fastenaktion auf: Sieben Wochen ohne Ausreden, hier mehr dazu…

Ach, ist schon wieder März. Ich breche am Morgen im Hellen auf. Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich meine private Aktion „Pilgern im Alltag“  begonnen habe. Meine Gedanken dazu sind dort nachzulesen und nach dem Ansturm der „Kerkelinge“ auf dem Jakobsweg in Heeresstärke von über 300 000 aktueller denn je.

Dann ist ja noch  Wahlkampf. Es muss sich für den Landtag entschieden werden: In unserem Wahlkreis kann  zum Beispiel Marco Tullner gewählt werden. Er engagiert sich für das Landesmuseum und für Wasserspielplätze. Zur Wahl stellt sich auch Katja Pähle, auf deren Seite ich viel über die SPD erfahre, aber wenig darüber, warum ich sie eigentlich wählen soll. Die SPD spielt mit ihrer Oberbürgermeisterin in Halle ohnehin eine unheilvolle Rolle, deswegen gibt das kein Stimmchen für Katja. „Vier für Halle“ klingt ohnehin bekloppt, „Bier für Halle“ hätte mehr Stimmen gebracht. Da wir ohnehin im Grünen wohnen, stelle ich auch Dietmar Weihrich vor. Der erzählt mir zwar auch nicht, warum ich ihn wählen soll, verweist nur auf ein Parteiprogramm in *.pdf-Format (Leute, ist das so schwer, ein paar Stichpunkte auf die Startseite zu bringen?), aber ist mir ansonsten positiv und engagiert aufgefallen. Außerdem ist er Gärtner und sieht auch aus wie ein Hobbit. Suport your local Hobbit! Linke, Nazis und Piraten kommen mir nicht in unseren Blog. Denn hier entscheiden wir !

Letztendlich muss sich also zwischen Knochenklau-Unterstützer Zorro Tullner und Nasegrün Sam Weihrich von den lokalen Hobbitsen entschieden werden. Wir können ja noch drüber schlafen.

Euer To.

12/2/09

Auf den Wegen des Cid

Was sind wir froh, dass wir den Jakobsweg bereits 1992 gemacht haben, als dort gerade einmal, wenn man alle Wanderstöcke mitzählte, 10 000 Pilger im Jahr unterwegs swaren. Jetzt sind es ca. 170 000 und da 2010 wieder ein Heiliges Jahr in Compostela ist, wird wohl locker die 200 000 Schallmauer durchbrochen. Und da sind die Busreisenden und sonstige Fußkranke nicht mitgezählt. Es wird Zeit, sich nach (spanischen) Alternativen umzuschauen.

Da gibt es z.B. den

Camino Cid

benannt nach den berühmten spanischen Nationalhelden Rodrigo Díaz de Vivar und auf seinen Spuren. Es geht entweder zu Fuß oder mit dem Auto mehr oder weniger auf die Strecke von Cid Heimatort Vivar nach Valencia. Ob es Unterkünfte wie auf dem Jakobsweg gibt, habe ich noch nicht herausfinden können, man muss wohl eher in Hotels und Pensionen übernachten, aber einen Camino-Pass mit Möglichkeiten dafür einen Stempelnachweis zu erhalten, gibt es auch hier. Statt einer heiligen also eine heldenhafte Schnitzeljagd. Und lernt dabei ein völlig unbekanntes Spanien kennen. Wer kennt schon Orte wie Sigüenza oder Covarrubias? Es lohnt sich, sie kennen zu lernen. Wer es nicht unbedingt möchte, braucht auch dem Cid nicht bis Valencia zu folgen.

Wer es etwas organisierter möchte, denn auf dem Camino del Cid sind sicherlich Spanischkenntnisse vonnöten, so wie in der Frühzeit auf dem Jakobsweg auch, der kann mit der von mir geschätzten Agentur Terraviva in Aragon wandern, Informationen hier:

http://www.terraviva.de/wandern-spanien-aragon/

So schön wie auf dem Jakobsweg wird es allemal ! Auch wenn am Ende keine große Kathedrale lockt. Wichtig ist doch am Ende ohnehin, welches Ziel man sich selber setzt.

Euer To.