Pilgern im Alltag

 Jeder ist mal weg, jeder geht pilgern. Pilgern im Pott, pilgern mit dem Cid, pilgern bewegt … Himmelhilf! Immer soll der Weg das Ziel sein. Dann habe ich es gut. Die Wege sind nahe. Schon ist das Ziel erreicht. So einfach geht das. Der Weg ist das Ziel. Das ist Unsinn !!!  Denn niemals kann der Weg das Ziel sein. Jeder Weg hat ein Ziel.  Auf dem Jakobsweg gehen wir nach Santiago oder meinetwegen auch nach Finisterre. Die Reise nach Jerusalem endet wo ? Das Leben wird mit dem Tod abgeschlossen. Auch jede Vergnügungsreise braucht ein Ziel zum Ansteuern. Der Nomade reist keineswegs sinnfrei. Früher wurde einfach nur gewandert, heute muss gepilgert werden. Wer kein spirituelles Ziel hat, für den ist der Weg spirituell, auf dem er sich bewegt. Das macht ein gutes Gefühl. Hunderttausende werden dieses Jahr nach Santiago pilgern. Ich werde nicht dabei sein. Und was ist mit der Ruhe? Gibt es beim Pilgern noch Stille um uns herum und in uns?  „Ruhe verdammt, wir sind doch Pilger!“ heißt es in einem Artikel der Süddeutschen. Mit der Ruhe scheint es also auch vorbei. Wir haben es alle zu viel angepriesen. Ich werde nie wieder nach Santiago gehen.

Mein Weg ist banal. An ihm ist nichts Spirituelles. Er hat ein Ziel, einen Anfang und ein Ende.  Ich gehe ihn jeden Tag eine ganze Stunde lang. Man könnte sagen: Ich pilgere. Eine ganze Stunde habe ich Ruhe. Der Alltag ist weit weg. Entfliehen kann ich nicht. Denn am Ende dieser Stunde, zweigeteilt, einmal zur Arbeit und am Nachmittag wieder zurück, wartet alles unverändert wieder auf mich. Auch sechs Wochen würden daran nichts ändern. Pilgern gibt Ruhe, aber Pilgern verändert nichts. Ein Katholik bleibt ein Katholik, ein berühmter Schauspieler wird noch berühmter und der Niemand findet sich mit seinem Sein ab.

Ich pilgere einfach vom Alltag fort und wieder zurück:

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März 2010

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