London und Wales 2013

100_6630Meine Kinder wollten unbedingt nach London. Als Ergänzung dazu wählten wir Landeierei und Meerblick in Wales. Ich muss Abbitte leisten, das Vereinigte Königreich (in folgenden UK) hat mir gut gefallen. Sehr gut sogar! Besonders die Freundlichkeit der Menschen ist mir in Erinnerung geblieben. Positive Eindrücke überwiegen also.  Ja, wäre da nicht London, eine weitläufige Megapolis, die keine sein will, sondern in weiten, weiten Teilen einfach nur Kleinstadt spielt. Englische Kleinstadt, wohlgemerkt. Lange Häuserreihen von Zweigeschossern, schmal und aneinander gebaut. Dazu kommen enge Straßen. London ist die Megaenglischekleinstadt sozusagen und doch multikulturelle Megacity. Das geht, ja, aber es ist dennoch anstrengend. Und ich bin zu alt für eine solche Stadt und für so viele Menschen!
Lesetipp: Kureishi, Hanif: Der Buddha aus der Vorstadt,
etwas älter, hatte ich aber immer im Kopf, wenn ich durch London ging.

Es war ja eine Affenhitze als wir in Richtung Engelland losflogen. Es ging von Leipzig über Düsseldorf nach Heathrow. Wir landeten in Golders Green im Anchor Hotel, einem der kleinen zwei- bis dreigeschossigen englischen Vorstadthäuser, dass eine findige indische Familie zur Unterkunft für London-Touristen ausgebaut hatte. Es gibt keinen Grund zum Klagen und das Frühstück war ausreichend bis reichhaltig. In der Nähe lag gleich das Restaurant von Charlie, einem sangesfreudigen Italiener, der an mehren Tagen die „Truppenverpflegung“ übernahm. Die Pizza war hier spitzenmässig! Wer mit Live-Musik beim Essen leben kann, der ist hier richtig.
Für eine gute Pizza in London: http://charliesristorante.co.uk/

Ich wurde vor den hohen Restaurantpreisen in London gewarnt. Ich kann dies nicht bestätigen. Wir haben mit vier Personen immer zu Preisen gut gegessen, die unter oder auf dem Level lagen, die wir zu Hause auch erreichen. Da die Stadt so groß ist, möchte ich hier keinen weiteren Tipp geben.

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Selbst an den ruhigeren Orten (Primrose Hill) ist London so voll mit Menschen wie Bienenbüttel beim Altstadtfest

Die Londoner sind im Überwachungswahn. Unser kleines Vorstadthotel z.B. war mit 9 oder mehr Überwachungskameras ausgestattet. Die ganze Stadt ist mit Kameras gepflastert. Bestimmt kann man unsere Weg vom Hotel durch die Stadt z.B. zum British Museum und darüber hinaus genau verfolgen. Falls mir mal nicht mehr einfällt, was ich im Museum besichtigt habe, frage ich die Londoner Überwacher.

Die ungewöhnliche Hitze zu Hause setzte sich in UK nicht fort. Ich habe hier einige Regeneinträge, mitunter sogar ganz heftig. In der Regel hatten wir angenehme Temperaturen etwas über 20 Grad. In den Tube-Schächten (U-Bahn) war es mitunter unangenehmer. Das nette Klima wurde wettgemacht durch die Menschenmassen. Hier leben viele Menschen, aber dazu kommen Heerscharen von Touristen. Stille Orte? Fehlanzeige!

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Die Reko. von Shakespeares „London Globe Theater“, leider war ich schon zu „besichtigungsmüde“, um noch hinein zu gehen

Was haben wir uns in London angeschaut? Natürlich die Museen, viele sind kostenlos, so die von uns besuchten British Museum, London Tate, Victoria-and-Albert-Museum, Imperial-War-Museum, aber, aber, aber, da tummeln sich auch die Menschenmassen. In der Baker-Street war vor dem Shylock-Holmes-Museum eine Heerschar und auch in das Naturkundemuseum war kein Reinkommen. Wir schauten Buckingham Palace, St. Pauls, den Tower, Big Ben mit Parliament, das Globe und die Tower-Brigde nur von außen an, aber in Westminster Abbey gingen wir am Abend zum Evensong. Das kann ich sehr empfehlen, um einen anstrengenden Touristentag zu einem ruhigen Ende zu führen. Allerdings wurde ich sehr durch einen Herrn abgelenkt, der über mir fröhlich und lächelnd als Bildwerk aus seiner Grablege trat: David Gar

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Im modernen Kriegshafen während der Hafenrundfahrt

rick, ein erfolgreicher Schauspieler und Trendsetter der englischen Gesellschaft des 18. Jahrhundert. Wir sind ihm noch einmal im Victora-and-Albert-Museum begegnet. Sein letzter Auftritt hier in Westminster hat mich sehr für ihn eingenommen. Am Ende trampelte ich noch auf Issac Newton herum. Bei Händel kam ich leider nicht vorbei.
Wer war David Garrick: http://www.westminster-abbey.org/our-history/people/david-garrick

Die Portsmounth Historic Dockyards

Von London aus haben wir einen Ausflug zu den Portsmouth Historic Dockyards unternommen. Ich konnte endlich wieder das Meer sehen. Portsmouth war und ist heute der größte Kriegshafen der Royal Navy. Hierher zu fahren, war der ausdrückliche Wunsch von Hannes. Teile des Hafens sind heute Museum. So besichtigten wir z.B. die HMS Victory, Nelsons Flagschiff bei Trafalgar. Aus Tradition ist dieses Museumsstück immer noch off. Flagschiff der Royal Navy mit eigener (symbolischer) Besatzung. Auch das Mary-Rose-Museum mit vielen Funden aus der Tudorzeit und die HMS Warrior 1860 schauten wir uns an.. Mit einer Hafentour gelang ein Blick auf viele akt. Kriegsschiffe der Royal Navy. Die Zeit der Schlachtschiffe und Flugzeugträger ist  schon lange vorbei. Futuristisch aussehende Raketenträgerschiffe sind zu sehen. Nicht ganz billig der Spaß, eine Zweistundenzugfahrt kommt dazu, aber es lohnt sich: Marine und Meer satt und Lord Nelson, natürlich! Was denn sonst?
Weiterlesen: http://www.historicdockyard.co.uk/

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wie Lord Nelson gehen wir an Bord …

Am Ende sind noch die vielen Londoner Parks zu erwähnen, die Rückzugsmöglichkeiten boten. Wir hatten noch einen anderen Lieblingsplatz: Die Bänke hinter St. Pauls, allerdings nerven die Tauben dort ganz schön! Nicht nur die Tauben, die Tube und ganz London nervte. Also tschüss!

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Willkommen in Wales! Willkommen bei den grünen Hügeln, den Schafen, schlafenden Drachen und Tieffliegern der RAF

Wir zogen uns für weitere 1 ½ Wochen in die walisischen Hügel zurück. Mit den Zug von L-Paddington ging es nach Swansea und anschließend mit der „Heart of Wales Line“ nach Lanwrda. Wo liegt das denn? Und noch wichtiger: Wie spricht man das aus? Es ist das Ende der Welt und an deren Ende liegt das Hotel „Tyllwyd Hir Bed and Breakfast“. Es ist kein Hotel, sondern wir waren zu Besuch bei Freunden (bei Jen und Phil), dieses Gefühl wird durch die Besitzer vermittelt, ohne dass es aufgesetzt oder aufdringlich wirkt. Ohne Auto ist es schlecht erreichbar, aber Phil holt Leute gerne von der Bus/Bahnstation ab und bringt auch am Ende hin. Jens Frühstück hat Auenlandniveau. Auf Anmeldung kann man ihr ein stilvolles und liebevolles Abendessen entlocken. Die Aussicht auf die grünen Hügel von Wales kann den ganzen Tag einfach nur genossen werden. Bei Booking.com wird „Tyllwyd Hir“ mit 9,9 „Außergewöhnlich“ (10 = Bestpunktzahl) bewertet. Das stimmt voll und ganz. Für Leute, die sich mal in schöner Umgebung verwöhnen lassen wollen. Allerdings liegt es weitab vom Schuss und das Haus ist nur über eine lange und steile Auffahrt zu erreichen.
Kontakt: http://www.bandbwestwales.co.uk/

Hier liegen die Drachen schlafend herum. Auf ihnen tummeln sich die Schafe. Die Kinder sagen ohnehin, sie kommen sich schon die ganze Zeit wie bei „Barnaby“ vor. Zum Glück ohne Mordfälle. Im Pub lerne ich die Pies (Pasteten) und das hiesige Ale kennen. Annette trinkt Cider aus Herfordshire. Einmal am Tag stören Tiefflieger (Schwalben und die RAF). In der Nacht schlafen wir ruhig und tief im walisischen Kuschelbett.

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Eine Stimmung wie bei „Barnaby“, zum Glück ohne Mordfälle… Friedhof im Dinefwr Castle Park.

Wir haben uns aber nicht nur verwöhnen lassen! Phil hat auf seinen Seiten einige Vorschläge für Aussflüge. Wir haben mangels Auto und Lust keine Abarbeitung vorgenommen, waren aber in der ältesten Stadt von Wales Carmarthen und in den zwei Gärten Aberglasney Gardens u. Dinefwr Castle Park (beides in der Nähe von Llandeilo), beides nicht weit vom Hotel entfernt. Die Burg Dinefwr ist eng mit der walisischen Geschichte verbunden: Hier hat Fürst Rhodri (der Große), der die meisten Teile von Wales einen konnten sein Reich im Jahr 876 an seine Söhne geteilt. Später verbluteten 3000 Engländer im Pfeilhagel der Waliser vor der Burg. Heute ist alles Landschaftspark, die Burg Ruine.

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Ein alter Hobbit in den Aberglasney Gardens

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Dinefwr Castle ist heute Ruine

Noch einmal haben uns Jen und Phil mit einem Abendbrot und reichhaltigen Frühstück verwöhnt, danach haben wir mit der „walischen Herzenslinie“ Carmarthenshire in Richtung Nordwales verlassen. Auf der Fahrt konnten wir einen Blick auf Shrewsbury werfen, in dem Ellis Peters mittelalterliche Krimis über den Mönch Cadfael (ein Waliser) spielen. Das hat den Ort und die Grafschaft Shropshire weltweit bekannt gemacht, davon abgesehen, dass die Cadfael-Krimis der Klassiker unter den mittelalterlichen Krimis darstellen, eigentlich bis heute unerreicht und unübertroffen. Der Anschluss führte uns von Chester direkt am Meer entlang, nur durch eine Steinmauer vom Strand getrennt, in einem Tunnel unter dem Normannenort Conwy und seine Burg und Stadtmauer hindurch (beeindruckend!) bis nach Bangor. Wir erreichten Y Felinheli und das Hotel Port Dinorwic. Hier weiterlesen: Cadfael-Krimis

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Morgenstimmung an der Menai Street

Wir wohnten in Julies Cottage, ein Haus voller verblichenen Charme, Einrichtung und Armaturen angegriffen und alt, und dennoch fanden wir es sehr gemütlich. Das erste Naserümpfen war unfair, denn nach dem Verwöhnen bei Jen und Phil hätte jedes noch so gute Haus schlecht abgeschnitten. Immerhin war das Cottage geräumig, es gab eine Bar und ein kleines Schwimmbad im Hotel nebenan obendrauf, aber der Blick auf die Menai Street zwischen Wales und Anglesey (Ynys Môn) war das Beste: Ich habe lieblichere Meeresambiente erlebt, aber diese Mischung aus See, Binnenland, Gebirge und Inselgefühl ist schon etwas Besonderes. Ich habe es versucht zu zeichnen, bin rasch an meine Grenzen gekommen, resigniert wünschte ich mir einen großen Künstler an meine Seite: Einen Geist aus einer anderen Zeit!

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Stille Spaziergänge in Y Felinheli

Wir saßen nicht nur vor dem Hotel und schauten aufs Meer (Obwohl ich so meine Ferien gut verbringen kann). Von Y Felinheli sind viele Ausflugsziele gut mit dem Bus zu erreichen. Das geht nicht schnell, aber man sieht etwas von der Gegend, der Berg Snowdon und der Snowdon National Park sind von hier zu erblicken. Und so war die Bustour nach Llandudno der schönere Teil des Ausflugs. Llandudno ist der viktorianische Badeort. Errichtet seit 1856, gemacht für die 3% der Bevölkerung, die es sich leisten konnten. Geblieben sind die Gebäude, verschwunden sind wohl größtenteils die Reichen. Das Publikum wirkt wie eine Malle-Mischung, schlecht angezogen, die Unterschicht Englands kommt zur Sommerfrische auf die Seebrücke, der zu einem billigen Vergnügungspark mit Daddelautomaten im Pavillon verkommen ist. Höhepunkte: Die Anlage des Ortes am Meer mit Blick auf das Felsplateau darüber (für Wanderungen geeignet), der Park oberhalb der Seebrücke, die Fahrt mit dem Bus durch den Festungsort Conwy.

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Verblichener Charme einer anderen Zeit: Llandudno und seine …

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Seebrücke

Da wir gerade bei Festungen sind. Wir waren natürlich auch in Caernafon Castle. Das ist eine der normannischen Zwingburgen des 13. Jhds, die von Edward I. Longshanks gebaut wurde, um Nordwales zu unterwerfen. Caernafon diente gleichzeitig als Palast und Regierungssitz für Nordwales. Die Festung war lange Symbol der Unterwerfung, heute aber Krönungsstätte für die Prinzen von Wales und inzwischen so etwas wie walisisches Nationalheiligtum. Der Ort Caernafon ist eines der Zentren des „Walisertums auf Erden“. Schon in Y Felinheli fiel mir auf, wie selbstverständlich und alltäglich in der Gegend walisisch gesprochen wird. Auch hat in Caernafon Castle das Museum der Royal Welsh Fusiliers, einer walisischen Einheit innerhalb der britischen Armee, seinen Platz. Es gibt hier Burg satt, kann man wohl sagen. Schon von außen ist die Anlage beeindruckend. Innen geht es treppauf, treppab geht es die Wendeltreppen alle Türme hinauf und in alle Räume (fast alles ist begeh- und erkundbar). Diese normannische Monsterburg hat hungrig gemacht, deswegen gutes Ale und walisische Hausmannskost (ggf. Übernachtung ) gibt es hier: http://www.black-boy-inn.com/home.htm
Sehr zu empfehlen!

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Caernafon Castle, in Wirklichkeit …

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… und als Modell

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Herzlichen Glückwunsch, Annette im Wunderland

Es fiel Landregen über die Menai Street. Annette sich zur ihrem Geburtstag (50. !) eine Inselrundfahrt mit dem Boot gewünscht. Leider gab es nur eine Busfahrt über die Insel Anglesey bis Holyhead und zurück, sowie Kaffeetrinken im Museumscafé von Llangefni. Ganz beeindruckend war die Fahrt über eine der ältesten Hängebrücken (die Menai Bridge von 1826) der Welt, bei der sich der Bus ganz langsam durch die Tore schlängeln mußte. Von Anglesey sieht man den Snowdon und die anderen Berge, als gäbe es dazwischen keine Meerenge. Und durch den Ort mit einem verdammt langen Namen kamen wir auch: Llanfairpwll­gwyngyllgogery­chwyrndrobwll­llantysilio­gogogoch. Genauer gesagt, der längste Ortsname Europas, aber was das heißt, das findet bitte selbst heraus.

Und mit dem Landregen, einem Hobgoblin-Ale und einer schönen Erinnerung an Wales möchte ich diesen Reisebericht schließen.

Euer To.

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Ein letzter Blick herunter von Caernafon Castle auf die Menai Street

 

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